MV-Wissenschaft, Paperback, 436 SeitenDas SED/Stasi-System brach 1989 zusammen. Alte Systemkader bestimmen heute, wo es langgeht. Eine Aufarbeitung der Vergangenheit findet nicht statt. Regimeopfer bleiben auf der Strecke.Wesentlich für den Untergang eines solchen Systems ist die Verteufelung der Methode des kritischen Rationalismus (Popper). Die marxistische-leninistische Indoktrination an den Ulbricht-Hochschulen hat zur beispiellosen Armut der Wissenschaft geführt. Diese Auffassung von ökonomischer Wissenschaft wurde durch das Kadersystem der SED/MfS nach sowjetischem Tscheka-Vorbild ("Machtfragen sind Kaderfragen" und "Demokratischer Zentralismus") entwickelt.Sozialistische Wirtschaftssysteme scheitern an hohen Transaktionskosten. Wenn Preise nicht richtig gebildet werden dürfen - gebrauchte Trabis sind teurer als neue, weil der Nutzen der sofortigen Verfügbarkeit beim Käufer wichtiger ist als der Verrechnungspreis der sozialistischen Plan-Kalkulation bei zehnjähriger Lieferzeit - darf man sich über nichts wundern.Falsche Preisbildung hat Folgen: Sozialistische Muckefuck-Ökonomen versagen bei der Pflege und der Erhaltung des Kapitalbestandes einer Wirtschaft. Das führt u.a. zu verrotteten Städten, maroder Industriesubstanz, endlosen Warteschlangen, massiver Horte von End- und Zwischenprodukten in Haushalten, einer Unmenge gehorteter Ersatzteile in DDR-Betrieben und Kombinaten, geringem Anteil der Nettoinvestitionen, niedriger Warenqualität und zunehmender Staatsverschuldung.Die Stasi-Akten der Ingenieurhochschule Zwickau geben Einblick in die Arbeitsweise der SED-Unterdrückungsmaschine. Politisch-Ideologische Diversion (PID) und Politische Untergrundtätigkeit (PUT) wurden von einem allgegenwärtigen Inlandsgeheimdienst bekämpft. Es kamen über 40 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) und ihre Führungsoffiziere (FIM) zum Einsatz. Es finden sich Berichte von Hochschulkadern, die in kleinen Frühstücksrunden unter staatlicher Aufsicht Intrigen zu eigenem Nutzen (Aufstieg und Staatsplanmittel) schmiedeten. Clevere Kader des Hochschul-Mittelbaus nutzten das Nomenklatursystem von SED und Stasi geschickt aus. Mobbing wurde zum zentralen Personalführungsinstrument.Aktenfunde aus jüngster Zeit - zu finden unter: www.stasi-in-zwickau.de - belegen die Rolle des SED-Rektors - er war praktisch Führungsoffizier über Hochschulmitarbeiter - beim Kampf gegen kirchliche Oppositionsgruppen.Die "gewendete" Hochschulleitung - unter ihnen war auch ein Instandhaltungsökonom der Sektion Sozialistische Betriebswirtschaft, aktiv in der SED, Waffenkammerverantwortlicher (man wundert sich, was es nicht alles an DDR-Hochschulen gegeben hat ) und ein ehemaliger Sekretär des DDR-Rektors - hat genug Informationen sammeln können, um die "Wende" gestärkt zu überleben. Unbequeme Konkurrenten wurden mit gezielten Indiskretionen (Gerüchte über Zusammenarbeit mit dem MfS u.a.) aus dem Weg geräumt. Die neue Hochschulleitung hat den "Erneuerungsprozess" der Hochschule gesteuert. Die SAPMO-Akten der SED-Grundorganisation der Hochschule von 1986 bis 1989 wurden hier monopolisiert. So war man gut gerüstet für die Nachwendezeit.Das Schlimme: die Altkader vieler Ökonomiefakultäten in den neuen Bundesländern stammen noch aus den Ulbricht-Hochschulen. Prediger der neuen Hochschulführungsmodelle - das von Bertelsmann getragene Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) - unterstützen sie mit Marketingkonzepten und Hochglanzbroschüren (Stichwort: Excellenzinitiative). Westprofessoren im Fachbereich Wirtschaft werden gemobbt. Die Ausbildung von Muckefuck-Ökonomen setzt sich fort, Studienzeiten und Abbrecherquoten liegen weit über dem Bundesdurchschnitt. Das verlängert den Aufholprozess im Osten und das zuständige Wissenschaftsministerium in Dresden sieht diesem Treiben keineswegs tatenlos zu. Die Aussage "Die DDR verschwindet aus den Hörsälen, weil wir immer noch DDR sind" in einem FAZ-Leserbrief führte zu disziplinarischen Vorermittlungen gegen den Autor.